Wirtschaftspraktiken

Headerbild: Residenzschloss Darmstadt. Fotograf: Katrin Binner.

Lokale Konventionen des Friseurwesens: Städtische Eigenlogik in Wirtschaftspraktiken


Leitung: Prof. Dr. Nina Baur und Prof. Dr. Martina Löw

wiss. Mitarbeiter: Linda Hering, Anna Laura Raschke und ehemals Florian Stoll


Lokale Konventionen des Friseurwesens: Städtische Eigenlogik in Wirtschaftspraktiken (Laufzeit: 01.05.2010 bis 30.04.2014)

Das Projekt, das von Nina Baur und Martina Löw geleitet wurde, verknüpfte das Konzept der „Eigenlogik der Städte“ mit der Ökonomie der Konventionen und untersuchte am Beispiel einer Wirtschaftsbranche (dem Friseurwesen), wie sich die jeweilige Stadt strukturierend für die Wirtschaft zeigt, d.h. ob und wie ökonomische Handlungsabläufe über lokale Konventionen sinnhaft organisiert werden. Da sich in den ersten zwei Jahren des Projektverlaufes gezeigt hatte, dass sich die Wirtschaftspraktiken von Stadt zu Stadt unterscheiden, wurde im dritten Jahr die quantitative Erhebung fortgesetzt und die theoretische Integration geleistet . Die Eigenlogiken der Städte konnten über die Art der Wirtschaftspraktiken, die von der jeweiligen Stadt beeinflusst werden, spezifiziert werden. Die Stadt wurde entsprechend nicht als passiver Resonanzkörper, sondern auch als aktiv auf die Wirtschaft einwirkender Faktor untersucht.

Die Friseurbranche wurde als kritischer Fall gewählt, da es sich um einen hochgradig standardisierten, in allen Städten mit genügend Unternehmen vertretenen Wirtschaftsbereich handelt, in dem scheinbar ortsunabhängig gewirtschaftet wird.

In den ersten beiden Jahren wurde mit Hilfe von Verlaufsmusteranalysen die Reproduktion von wirtschaftlichen Leitmotiven untersucht. Parallel hierzu wurden Ethnografien in je zwei wirtschaftlich erfolgreichen Friseuren pro Stadt aus kontrastierenden Marktsegmenten (Quartiersfriseur vs. professionalisierter Stadtfriseur) durchgeführt.

Wir konnten zeigen, dass (unabhängig vom Marktsegment) (1) stadtspezifische Glaubenssätze existieren, was als „ökonomisch rational“ in dem Sinne gilt, dass es zu wirtschaftlichen Erfolg führt. Diese Weltsichten reproduzieren sich pfadabhängig (path-dependent) über die Zeit und schlagen sich nieder in typischen lokalen (2) Konventionen des Handelns – Handlungsroutinen und typischen Mustern, um Handlungsanforderungen zu lösen – insbesondere Formen der (Arbeits-) Organisation des Friseursalons –; (3) Kommunikations- und Interaktionsformen mit dem Kunden oder unter dem Personal sowie in (4) Raum-Zeitarrangements.

Die konkrete Ausgestaltung dieser Konventionen wurde für jede Stadt einzeln ausgearbeitet, systematisiert und zu Hypothesen verdichtet, die im dritten Jahr mit Hilfe einer standardisierten Befragung überprüft wurden.

Da sich die anfangsgebildeten Hypothesen vor allem auf ökonomische Praktiken auf der Mikroebene bezogen, sollte ein zweiter Fokus auf der Makroebene liegen, d.h. den Fragen, ob und wie das Feld strukturiert und in die städtische Wirtschaft und Sozialstruktur eingebettet ist, wie sich die Unternehmenspopulationen in Marktsegmente unterteilt, wie Produzenten-Zuliefer-Netzwerke und Wettbewerbsstrukturen lokal ausgestaltet sind sowie wie der Markt räumlich strukturiert ist. Leitgebend wardie Idee, dass sich auch diesbezüglich die Städte unterscheiden könnten.

Schließlich soll in der letzten Projektphase ein Fokus auf der theoretischen Integration auf Projektebene sowie auf der Ebene des Paketantrags liegen.

Quelle: TU Berlin

Zugehörige Publikationen:

Baur Nina; Hering Linda; Löw Martina; Raschke Anna-Laura: Die Rationalität lokaler Wirtschaftspraktiken im Friseurwesen. Der Beitrag der „Ökonomie der Konventionen“ zur Erklärung räumlicher Unterschiede wirtschaftlichen Handelns. IN: Bögenhold, Dieter (Hrsg.), Soziologie des Wirtschaftlichen: Alte und neue Folgen. Wiesbaden: Springer VS, S. 299-327.

Baur Nina; Hering Linda; Löw Martina; Raschke Anna-Laura: Tradition, Zukunft und Tempo im Friseursalon IN: Frank, Sybille; Gehring, Petra; Griem, Julika; Haus, Michael (Hrsg.) Städte unterscheiden lernen. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 97-124.